Der Roboter als Menschenfreund?


Alan Ayckbourns „Ab jetzt“ gibt Antworten darauf am Paderborner Theater
von Erhard Hofmann

Ein Zauberwort der Zukunft heißt soziale Robotik. Die Automatisierung intelligenten Verhaltens soll dafür sorgen, dass Roboter mit quasi-sozialer Kompetenz ausgestattet sind, um dem Menschen treue Lebensgefährten in allerlei Lebenslagen zu sein. Kann ein Theaterstück, das 1987 zur Uraufführung kam, Antworten geben auf eine solch hoch aktuelle Fragestellung? Und wie es kann! Den Nachweis dafür erbrachte Ulrike Maack am großen Haus des Paderborner Theaters mit ihrer Inszenierung von Sir Alan Ayckbourns rabenschwarzer Farce „Ab jetzt“.
In einem mit Fensterläden aus Stahl abgedunkelten Ton-Wohnstudio (Bühne: Eylien König, Kostüme: Irmgard Kersting) versucht Jerome (Alexander Wilß), Komponist mit kreativer Totalblockade, sein trauriges Dasein mit Hilfe eines Roboters namens GOU 300 F (Josephine Mayer/Kirsten Potthoff) in Griff zu bekommen. Im Zentrum seiner Behausung steht ein riesiger, schwarzer Schreibtisch mit einem beeindruckenden digitalen Audiosystem, davor herrscht trostlose Unordnung. Eingelassen in die Lamellen der Fensterläden ist ein großes Bullauge, das über Außenkameras die Verbindung zur Außenwelt darstellt. Draußen tobt das blanke Chaos. Der Londoner Stadtteil, in dem Jerome lebt, wird beherrscht von den „Töchtern der Finsternis“, der Rechtsstaat hat sich völlig zurückgezogen. Manchmal erscheint diese wilde Amazonengang im Bullauge mit obszönen Drohgesten oder bewirft seine Fensterläden mit Steinen, für Jerome normaler Alltag. Seine sozialen Kontakte sind im Wesentlichen beschränkt auf GOU 300 F, die immerhin so weit programmiert ist, dass manch scheinbar akzeptable Alltagskommunikation entstehen kann. Als Relikt aus einer längst vergessenen Zeit taucht im Bullauge bisweilen Lupus (Daniel Minetti) auf, fluchend und lamentierend. Grund für Jeromes künstlerische Krise und seine damit einhergehende soziale Isolation ist die Trennung von seiner Frau Corinna (Josephine Mayer), die ihn mit der gemeinsamen Tochter Geain (eigentlich Jane) verlassen hat. Um wieder Kontakt zu seiner Tochter zu bekommen, entwickelt Jerome einen perfiden Plan. Er mietet sich die Schauspielerin Zoe (Kirsten Potthoff) für einen Tag als seine Geliebte, um den Sozialarbeiter vom Jugendamt (Carsten Faseler) und seine Frau von seiner wieder hergestellten sozialen Stabilität zu überzeugen. Die liebenswürdige, aber intellektuell beschränkte Zoe verwechselt schon mal gerne Ophelia aus Shakespeares Hamlet mit Brendon Thomas Charleys Tante. Weil sie aber mindestens genauso verloren und einsam ist wie Jerome, kann sie sein tief verschüttetes Herz öffnen. Inmitten dieser kalten, lebensfeindlichen Welt entwickelt sich ein anrührender Moment der Nähe, der jedoch bald wieder zerstört wird, weil Jerome auch ihre intime Begegnung für seine Soundcollagen nutzen möchte. So bleibt dieser kaputten Seele nichts Anderes übrig, als den ersten Roboter zu entsorgen und einen neuen GOU 300 F mit Zoe als Vorbild zu entwickeln.
Der zweite Teil des Abends entwickelt sich zu einem wild-absurden Showdown aller Beteiligten: Jerome, dazu die zum renitenten Punk mutierte Tochter Geain, der überforderte Sozialarbeiter Mervyn, die aufgebracht-verletzte Ex Corinna und die mit Codewörtern (vor allem: Liebling!!) gefütterte Roboter-Puppe GOU 300 F liefern sich einen skurrilen verbalen Schlagabtausch, der zwischen Komik und Tragik changiert, für viele Lacher sorgt, aber auch die Frage des Stückes sichtbar macht: sind in unserer entseelten Welt Roboter mit ihren vorausschaubaren Möglichkeiten in manchen Situationen vielleicht sogar die besseren Menschen? Am Ende wird fast alles gut, aber eben nur fast.
Ulrike Maacks Inszenierung besticht trotz erheblicher Gesamtlänge von über zweieinhalb Stunden durch große Stringenz und eine vorzügliche Gesamtleistung des Ensembles. Alexander Wilß überzeugt im Wechselspiel von krankhafter Technikbesessenheit und der Suche nach dem ultimativen Klang, den er nicht mehr hören kann. Er will Liebe ausdrücken in einer abstrakten musikalischen Form, kann sie jedoch nicht finden. Josephine Mayer wie auch Kirsten Potthoff spielen gekonnt roboterhaft den GOU 300 F, und geben andererseits den beiden Figuren Corinna und Zoe ein zutiefst menschliches Gepräge. Beide wollen letztendlich nur eins: lieben und geliebt werden. Carsten Faseler als tapsig-dümmlicher Sozialarbeiter ohne Ahnung von sozialen Prozessen sorgt für viele Lacher, Gesa Köhler gelingt eine überzeugende, tief verstörte Tochter Geain, die Opfer ihrer Umgebung wird und sich folgerichtig dem Roboter mehr anvertraut als ihren nächsten Bezugspersonen. Insbesondere im zweiten Teil des Abends kristallisiert sich deutlich die zentrale Thematik des Stückes heraus, nämlich die der Mensch-Roboter-Interaktion. Können Roboter glaubhafte Interaktionspartner für den Menschen werden? Wird es Maschinen geben mit sozialen und emotionalen Kompetenzen? Sir Alan Ayckbourn hat viel Weitblick bewiesen mit seinem vor über 30 Jahren geschriebenen Stück. Es scheint, als ob seine dystopische Vision schon längst von der Realität überholt worden ist (kleines Beispiel: Alexa lässt grüßen). In der Paderborner Inszenierung wird die urbritische Haltung, jedem Drama zumindest mit etwas Humor zu begegnen zur großen Stärke des Stückes: man kann herzhaft lachen, auch wenn es wenig Grund dafür gibt. Das Publikum hatte deshalb auch seinen Spaß und bedankte sich mit viel Applaus.

foto:  Alexander Wilß, Josefine Mayer ⎟ © Chr. Meinschäfer


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